Bild: © Tamara Gak@Unsplash


Literarischer Blog

01.03.2026

Manchmal verfolgt mich ein Buch bis in den Schlaf. So erging es mir, als ich Die Zwillinge von Highgate las. Nachts wachte ich unruhig auf und dachte an die beiden Protagonistinnen, fragte mich, was sie als Nächstes tun würden, wie sie sich aus ihrem immer enger werdenden Dilemma befreien könnten. Noch mehr als die Frage nach dem Fortgang der Handlung beunruhigte mich die Vorstellung, sie könnten plötzlich verschwunden sein – ausgelöscht, verwandelt, entglitten. Also griff ich immer wieder zu dem dicken Schmöker, um mich zu vergewissern, dass es sie noch gab.


Es kommt selten vor, dass mich ein Roman derart in seinen Bann zieht. Doch Audrey Niffeneggers zweites Buch, erschienen nach ihrem Weltbestseller Die Frau des Zeitreisenden, hat mich vor einigen Jahren in einem Zug durchlesen lassen – und bis heute nicht losgelassen.


Worum geht es? Die 20-jährigen eineiigen Zwillinge Julia und Valentina erben überraschend die Londoner Wohnung ihrer verstorbenen Tante Elspeth. Sie liegt direkt am Highgate Cemetery, jenem verwunschenen viktorianischen Friedhof, dessen überwucherte Gräber – darunter das von Karl Marx, George Eliot und Douglas Adams – eine eigene, morbide Topografie bilden. Um das Erbe anzutreten, müssen die Schwestern ein Jahr lang dort leben; ihre Eltern dürfen die Wohnung in dieser Zeit nicht betreten.





















Julia und Valentina sind Spiegelzwillinge: Ihre Organe liegen spiegelverkehrt, selbst ein Muttermal erscheint auf der jeweils anderen Seite. Auch ihre Charaktere bilden Gegenpole: Julia, die Wagemutige, die sich in jedes Abenteuer stürzt; Valentina, die Zögerliche, die im Schatten ihrer Schwester kaum eine eigene Kontur gewinnt.


Schon der erste Satz des Romans kündigt den übernatürlichen Ton an: Elspeth stirbt, während ihr Partner Robert Tee aus einem Automaten zieht – und beobachtet ihn kurz darauf von der Decke aus. Als die Zwillinge in ihre Wohnung einziehen, ahnen sie nicht, dass Elspeths Geist dort weiterexistiert. Sie hält sich in einer Schublade zusammen, um nicht zu zerstreuen, und lernt allmählich, wieder Form anzunehmen. „Da seid ihr zwei, ganz erwachsen“, sagt sie, als sie sich erstmals über die Schlafenden beugt.


Beim Lesen läuft einem ein Schauer über den Rücken. Der Roman ist fesselnd, unheimlich und zugleich anrührend. Er entzieht sich eindeutigen Genrezuordnungen: Gothic Novel, magischer Realismus, psychologisches Familiendrama – alles fließt ineinander. Niffeneggers Sprache ist schlicht, fast unauffällig, und gerade dadurch wirkungsvoll. Ihre Poetik liegt weniger in großen Bildern als in den Zwischenräumen, in den leisen Verschiebungen zwischen den Figuren.


Nicht alles an diesem Buch ist aus meiner Sicht gelungen. Der Schluss wirkt stellenweise zu effekthaft, zu sehr auf Überraschung hin konstruiert. Doch dass ich Jahre später noch an die Zwillinge denke, liegt an der Intensität ihrer Beziehung und an den unbequemen Fragen, die der Roman stellt: Wie viel sind wir bereit, für unser eigenes Dasein zu opfern? Wie weit reicht unsere Verantwortung für andere – und wo beginnt die für uns selbst?


Vielleicht lässt mich dieser Roman nicht los, weil er eine Urangst berührt: die Angst, im Anderen aufzugehen oder durch das Erbe der Vergangenheit die eigene Form zu verlieren. Diese dunkle Faszination für die schmale Grenze zwischen Verbundenheit und Besessenheit hat mich auch beim Schreiben meines eigenen Romans Hungergesang begleitet. Dort stehen die Drillinge Mara, Lara und Sara vor einer ähnlichen Herausforderung: in einem verwaisten Raum ihre eigene Stimme zu finden, während die Schatten der Herkunft bereits nach ihnen greifen.

Verwunschener Friedhof mit alten Grabsteinen. Licht und Schatten

©Alla Kemelmakher@Unsplash        

02.02.2026

Ich las dieses Buch im Jahr 2021. Es war das erste aus der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen mit dem Titel „Kindheit“, und schon der erste Satz zog mich in seinen Bann. 


„Am Morgen war die Hoffnung da. Sie saß als flüchtiger Schimmer im glatten, schwarzen Haar meiner Mutter ...“ 


Es gibt verschiedene Möglichkeiten, über Kindheit zu schreiben. Eine ist, sich retrospektiv an sie zu erinnern, eine andere über sie zu schreiben, als gehe es um jemand anderes. Man kann aber auch das Kind sprechen lassen, als erlebte es die Handlung selbst. 


Die kindliche Perspektive gehört nicht zu den dominanten Erzählformen in der Literatur. Vielleicht, weil man mit ihr zu sehr Kinderliteratur verbindet. In der Erwachsenenliteratur kommt sie oft dann zum Tragen, wenn es für das Geschehene kaum Worte gibt, die nicht sofort an Glaubwürdigkeit verlieren würden, wenn man das Unfassbare zu beschreiben versucht. Das, was nicht gesagt werden kann, füllt das Kind mit seiner Fantasie - und spricht damit Wahrheiten aus, die jenseits des Vorstellbaren liegen. 


„Auf dem Grund meiner Kindheit steht mein Vater und lacht. Er ist so alt und schwarz wie unser Kachelofen, aber nichts an ihm macht mir Angst.“ 





















In „Kindheit“ ist die Wahrnehmung der Protagonistin fragmentarisch, synästhetisch, emotional - und hoch poetisch. Der Blick ist unverstellt und schwankt zwischen anrührender Beschreibung und schockierender Gleichgültigkeit. Das Besondere an der kindlichen Perspektive ist, dass sie noch nicht unterscheiden kann zwischen Wichtigem und Unwichtigem. Sie nimmt Randerscheinungen und Nebensächliches wahr, die Erwachsene oft übersehen. Durch diese unschuldige Sicht kann ein ungeheuerliches Geschehen authentisch wiedergegeben werden. 


Ungeheuerlich ist das Thema in Imre Kertesz Roman „Roman eines Schicksallosen“. Er handelt vom Leben in Ungarn während des Zweiten Weltkrieges, der Deportation in die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald, dem (Über-)leben unter härtesten, unvorstellbar grausamen Bedingungen, erzählt aus der Perspektive des 15-jährigen György. Durch den neutralen, beinahe lakonischen Blick des Kindes wird das Schrecken noch unerträglicher wiedergegeben - weil es die Dinge schildert, so, wie sie waren, ohne zu kommentieren, zu strukturieren. Das Grauen tritt neben das Alltägliche und erhält dadurch Authentizität und Echtzeitcharakter. 


Die kindliche Perspektive ist damit auch immer die des Zeitzeugen, des stillen Betrachters, der im Moment des Erzählens gezwungen ist, sie zu verraten. Und deshalb zieht mich diese Perspektive so in ihren Bann und dient mir selbst als Mittel, Sprachloses sprechbar zu machen.

Blick durch ein Fenstergitter. Draußen: winterliches Gestrüpp

© Riva Ferdian@Unsplash 


Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – von Romananfängen und ersten Sätzen

01.01.2026

Mit diesem Beitrag eröffne ich meinen literarischen Blog, in dem ich künftig regelmäßig über Lektüren, Schreibprozesse und ästhetische Fragen nachdenken möchte. Er soll meine eigene Arbeit begleiten, vertiefen und zugleich Einblicke in die Themen geben, die mich als Autorin bewegen.

Es ist Januar. Ein neues Jahr hat begonnen. Die Luft ist schneidig und kalt, in der Ferne verhallen noch vereinzelte Silvesterböller. Auf den Straßen liegen die Reste der vergangenen Nacht: leere Sektflaschen, fehlgezündete Raketen, Luftschlangen, Konfetti. Später werden die Reinigungsfahrzeuge kommen und die Überbleibsel wegspülen. Dann gleicht das neue Jahr zunächst wieder dem alten – auch wenn sich bald Ereignisse einstellen werden, die es neu und anders machen.

Die Tage zwischen den Jahren sind eine gute Zeit, sich der Lektüre zuzuwenden: Bücher, die einen einst verzaubert haben, wieder aus dem Regal zu nehmen, noch einmal ihre Sätze zu atmen und in eine andere Welt einzutauchen. 


„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ 













Dieses Zitat aus Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ kommt mir oft in den Sinn, wenn ich ein Buch aufschlage und den ersten Satz lese.


Ein Romananfang ist ein Versprechen. Er eröffnet nicht nur eine Geschichte, sondern auch einen Ton, eine Haltung, eine Welt. Oder, um es mit Platon zu sagen: „Der Anfang ist der wichtigste Teil der Arbeit.“ Ein gelungener erster Satz zieht mich unmittelbar hinein – durch eine dichte, sinnliche Sprache, eine ungewöhnliche Perspektive, ein atmosphärisches Bild, einen gedanklichen Impuls oder eine Figur, mit der ich mich verbinden kann.

Im Folgenden stelle ich einige Romananfänge vor, die mich auf ganz unterschiedliche Weise berührt und in ihren Bann gezogen haben – Sätze, die die Tür zu einer Welt aufstoßen und mich schon beim ersten Lesen nicht mehr losließen:


„Als wir neu waren, standen Rosa und ich in der Ladenmitte, wo auch die Zeitschriften auslagen, und hatten den größeren Teil des Schaufensters im Blick. So konnten wir die Außenwelt sehen – die vorbeihastenden Büroarbeiter, die Taxis, die Läufer, die Touristen, Bettelmann und seinen Hund, den unteren Teil des RPO-Gebäudes. Als wir uns schon ein bisschen eingelebt hatten, erlaubte uns Managerin, nach vorne zu gehen, direkt ins Schaufenster, und da erst sahen wir, wie hoch das RPO-Gebäude war. Und wenn wir zum richtigen Zeitpunkt da waren, sahen wir die Sonne auf ihrem Weg von den Dächern auf unserer Seite zum RPO-Gebäude hinüberwechseln.

(Kazuo Ishiguro, Klara und die Sonne)


Abends war es ein wenig besser. Sie konnte es vorsichtig glätten und betrachten, in der Hoffnung, irgendwann doch einen Überblick darüber zu gewinnen, als wäre es ein unfertiger, vielfarbiger Gobelin, dessen Muster eines Tages zu erahnen war. Die Stimmen kehrten zu ihr zurück und ließen sich mit etwas Geduld voneinander trennen. Wie die Fäden eines verhedderten Wollknäuels. […]“

(Tove Ditlevsen,Gesichter)


„Barabas kam auf dem Seeweg in die Familie“, trug die kleine Clara in ihrer zarten Schönschrift ein. Sie hatte schon damals die Gewohnheit, alles Wichtige aufzuschreiben, und später, als sie stumm wurde, notierte sie auch die Belanglosigkeiten, nicht ahnend, dass fünfzig Jahre später diese Hälfte mir dazu dienen würde, das Gedächtnis der Vergangenheit wieder zu finden und mein eigenes Entsetzen zu überleben […]“

(Isabel Allende, Das Geisterhaus)


„Man ging und ging und sang ‚Ewiges Gedenken‘. Und wenn die Stimmen verstummten, tönte der Trauergesang fort im Rhythmus der Schritte, im Geklapper der Pferdehufe und im Wehen des Windes. Passanten gaben den Weg frei, um den Trauerzug vorbeiziehen zu lassen, sie zählten die Kränze und bekreuzigten sich. Neugierige schlossen sich der Prozession an und fragten: „Wer wird begraben“ […]“

(Boris Pasternak,Dr. Schiwago)



„Die Ewige Wiederkehr ist ein geheimnisvoller Gedanke, und Nietzsche hat damit manchen Philosophen in Verlegenheit gebracht: alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, und auch diese Wiederholung wird sich unendlich wiederholen […].“

(Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins)



Romananfänge können uns sofort treffen – leise oder laut, poetisch oder präzise, erzählerisch oder gedanklich. Vielleicht liegt der Zauber eines Anfangs gerade darin, dass er sowohl eine Verheißung als auch eine Öffnung ist: ein erster Schritt in eine Welt, die erst noch entstehen wird, Satz für Satz.

Blick auf einen mit Reif bedeckten Strauch. Diffuser, sonniger Hintergrund

© Raimond Klavins@Unsplash 

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